Ruth Jäkel

Meine Großmutter wurde einen Tag nach Beginn des Ersten Weltkrieges im Juli 1914 in der Nähe von Königsberg in Ostpreußen geboren. Meine Urgroßmutter flüchtete mit ihr nach Deutsch Krone in Westpreußen, wo 1916 ihr Bruder Hans-Georg geboren wurde. Mein Urgroßvater fiel 1917.

Nach dem Abitur studierte meine Großmutter Journalistik in Heidelberg und Königsberg. 1937 zog sie nach Berlin, wo sie erst als Stenotypistin und dann als Lektorin in einer Filmgesellschaft arbeitete. 1940 heiratete sie meinen Großvater. 

Am Morgen nach der Kristallnacht fuhr meine Großmutter mit der Straßenbahn über den zerstörten Kurfürstendamm, sie erlebte Bombenangriffe und Nächte im Luftschutzkeller. Sie versteckte ihre halbjüdische Freundin Liesel vor den Nazis.

Im Juni 1943 kam ihre Tochter Monika, meine Mutter, in Berlin Tempelhof zur Welt. Sechs Tage später fiel ihr geliebter Bruder im Mittelmeer. Meine Großmutter wurde nach Westpreußen evakuiert, und im Januar 1945 floh die Familie in den Westen Deutschlands. Mein Großvater fiel im März 1945.

Meine Großmutter, Mutter und Urgroßmutter kamen nach Schmölln in die ostdeutsche Provinz, wo meine Großmutter sieben Jahre lang in einer Fabrik arbeitete. In ihrer Freizeit gestaltete sie Kinderbücher für meine Mutter und zeichnete Karikaturen für die Lokalzeitung. 1960 machte sie eine Fortbildung zur Erzieherin und leitete danach einen Kinderhort, bis sie 1977 in Rente ging. Sie war eine beliebte Lehrerin, begabte Künstlerin und lebendige Erzählerin. Sie erlebte den Fall der Mauer 1989.

Meine Omi starb im September 2001, zwei Wochen nach dem Terrorangriff in New York, sie wollte nicht noch einen Krieg erleben. Ich hielt ihre Hand. Das obige Portrait ist eines meiner ersten Fotos.

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